Ein ungewöhnlicher Ausflug

„Wandern pustet den Kopf frei“, so hat ein Freund mir einmal seine Leidenschaft erklärt. Eine, die scheinbar von immer mehr Menschen Besitz ergreift. Ich habe mir über diesen Hype im Grunde genommen noch nie so wirklich Gedanken gemacht. Schließlich habe ich einen Hund, und da ist man jeden Tag quasi auf Schusters Rappen unterwegs. Also sind für mich tägliche Spaziergänge eigentlich das Normalste der Welt! Doch dann erhielt ich diese Einladung zum „Überraschungs-Ausflug“. Einzige Info: Mitzubringen sind gute Laune und festes Schuhwerk. Mehr nicht. An besagtem Sonntag im Juli war ich schon früh unterwegs. Eine große Runde mit dem Hund. Denn den, so hatte ich nach Blick auf die Wetterapp und die dort angekündigten heißen Temperaturen, beschlossen nicht mitzunehmen.
Gut gelaunt trat ich den Weg zu meiner Schwester an, denn von dort aus sollte es losgehen, zum Überraschungsausflug. Punkt eins der Einladung war damit erfüllt. Gute Laune war im Spiel. Punkt zwei konnte ich ebenfalls abhaken. Denn meine Füße steckten in modernen Trekking-Schuhen. Blieb nur noch eine Frage offen: Wo geht es hin?
Die war wenig später beantwortet, als wir auf einen idyllischen Parkplatz fuhren, der inmitten einer grünen Oase lag. Wow – nie wäre ich bei diesem Anblick auf den Gedanken gekommen, dass ich in Witten, also mitten im Ruhrgebiet, gelandet war. Ok, als wir dann den Platz betraten, der sich hinter dem Parkplatz auftat, war klar: Das Ruhrgebiet lässt grüßen in Form reinster Zechenkultur. Wir waren an der Zeche Nachtigall angekommen. Und da, dass kann ich Euch sagen, ist es echt spannend.
Ausgerüstet mit Helm und Grubenlampe und eingehüllt in eine typische Revierjacke tauchte ich ab in den Schlund eines Berges und begab mich auf meine erste geführte Wanderung unter Tage im alten Nachtigallstollen. Gerade einmal 130 Meter war der lang, aber wer nun glaubt unsere kleine Gruppe war dort flott unterwegs – von wegen! Selbst ich, die jetzt von der Körpergröße eher in die Kategorie klein einzuordnen bin, musste teilweise das Stück in gebückter Haltung zurücklegen. Und dabei schaffte ich es trotzdem gleich zwei Mal mit dem Kopf unter die Decke zu knallen! Wie gut, dass der unter einem Grubenhelm steckte! Die „dunkle“ Wanderung war spannend, ebenso wie der vorherige Besuch im Museum.

Im Museum der Zeche Nachtigall. Foto: Tina Nitsche

Doch was dann kam überraschte. Der Ausflug war längst nicht zu Ende. Denn das Muttental, in dem die Zeche Nachtigall liegt, wollte erobert werden. Zu Fuß versteht sich. Da wurde mir natürlich klar, weshalb festes Schuhwerk angesagt war. Wie groß das Muttental eigentlich ist, war mir natürlich nicht bewusst. Das es dort jede Menge zu entdecken gibt, erst recht nicht. Mein Schwager jedoch, der hatte einen genauen Plan. Mr. Google macht’s möglich, zeigt er doch auch den Wandersleuten exakt jeden Schleichweg auf, wenn’s sein muss. So lernte ich als erstes die Schlossruine Hardenstein kennen, die eigentlich am Ende des Muttentals liegt und einen sagenhaften Blick auf die Ruhr freigibt.
Von dort aus ging es weiter zunächst über sandige Wege, die leicht anstiegen und auf denen richtig viele „Wandervögel“ unterwegs waren. Dann nach gefühlten fünf Kilometern waren wir Drei mitten im Wald gelandet. Über uns wölbte sich ein Dach aus grünen Blättern, durch das stellenweise der blaue Himmel lugte. Es ging über Stock und Stein, vorbei an Bachläufen, teilweise steil bergauf und das recht flott. Ungewöhnliche Anblicke taten sich auf, egal in welche Richtung ich schaute. Und plötzlich hoch oben im Wald realisierte ich dann auch die Stille, die mitten im Ruhrgebiet Besitz von mir ergriff. Runterkommen, entschleunigen und das laufend. Die positiven Nebenwirkungen des Wanderns! Und irgendwann, war auch der Kopf leergefegt. Keine Gedanken mehr über Arbeit, Alltag und Co. Da habe ich dann erstmals verstanden, was besagter Freund meinte, als er sagte: „Wandern pustet den Kopf frei!“ Tina Nitsche

Zur Info: Wer nun vom Wandervirus infiziert ist, dem sei gesagt, auch hier in der Umgebung gibt es beste Möglichkeiten, klein anzufangen. Und übrigens, noch eine kleine Anmerkung für alle Hundebesitzer unter Euch: Das Muttental eignet sich auch bestens für eine Wanderung mit der Fellnase, vorausgesetzt es ist nicht zu heiß.

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